Spritpreise über 2 Euro: Wenn der Lehrlingslohn im Tank verschwindet

Spritpreise über 2 Euro: Wenn der Lehrlingslohn im Tank verschwindet

Südpfalz – Deutschland spricht vom Fachkräftemangel, vom Nachwuchsproblem im Handwerk und davon, wie wichtig eine gute Ausbildung für die Zukunft ist. Doch für einen Auszubildenden aus Lustadt sieht die Realität weniger nach Zukunftschance und mehr nach monatlicher Tankrechnung aus: Rund 90 Kilometer fährt er jeden Arbeitstag für seine Ausbildung nach Karlsruhe und zurück.

Lustadt und Karlsruhe liegen auf der Karte vielleicht nicht besonders weit auseinander. Für einen Auszubildenden, der diese Strecke jeden Tag mit dem Auto bewältigen muss, summiert sich die Entfernung allerdings gewaltig.

Bei rund 90 Kilometern täglich und angenommenen 22 Arbeitstagen im Monat entstehen:

  • 90 km pro Arbeitstag
  • 1.980 km im Monat
  • bei 7 Litern Verbrauch auf 100 km etwa 139 Liter Kraftstoff
  • bei durchschnittlich 2,207 Euro für einen Liter Super E10 rund 306 Euro reine Spritkosten im Monat

Und genau hier wird es bitter.

Rund 306 Euro – nur für den Weg zur Arbeit

306 Euro monatlich für Kraftstoff.

  • Nicht für eine Wohnung.
  • Nicht für Lebensmittel.
  • Nicht für Freizeit.
  • Nicht zum Sparen.

Sondern schlicht dafür, dass der Auszubildende morgens zu seinem Ausbildungsbetrieb kommt und abends wieder nach Hause fahren kann.

Und die Rechnung ist damit noch lange nicht vollständig.

Versicherung, Kfz-Steuer, Wartung, Reifen, Reparaturen und Wertverlust des Fahrzeugs sind in diesen 306 Euro noch gar nicht enthalten.

Der tatsächliche finanzielle Aufwand für die tägliche Mobilität liegt also deutlich höher.

Zum Glück gibt es noch das Elternhaus

Das eigentlich Bemerkenswerte an diesem Beispiel: Der Auszubildende lebt noch bei seinen Eltern.

Das Elternhaus fängt damit einen erheblichen Teil der normalen Lebenshaltungskosten auf.

Denn würde zusätzlich noch eine eigene Wohnung dazukommen, müsste der junge Mensch nicht nur seine Ausbildung und den täglichen Arbeitsweg finanzieren, sondern auch Miete, Strom, Lebensmittel und sämtliche anderen laufenden Kosten.

Da stellt sich eine durchaus unangenehme Frage:

Wie soll ein junger Mensch mit einer Ausbildungsvergütung finanziell auf eigenen Beinen stehen, wenn bereits der Weg zur Ausbildungsstelle mehrere hundert Euro verschlingt?

Über zwei Euro pro Liter sind längst keine Ausnahme mehr

Die regionalen Vergleichswerte zeigen für die Region Südpfalz im Durchschnitt:

Diesel: 2,345 €/Liter

Super E5: 2,265 €/Liter

Super E10: 2,207 €/Liter

Bei solchen Preisen wird jeder zusätzliche Kilometer zum Kostenfaktor.

Und wer täglich 90 Kilometer fahren muss, merkt das nicht nur einmal im Monat.

Er merkt es bei jedem Tankvorgang.

„Dann fahr doch mit Bus und Bahn!“

Natürlich könnte man jetzt sagen: Dann soll der Azubi eben öffentliche Verkehrsmittel benutzen.

Nur funktioniert diese einfache Antwort nicht überall.

Gerade bei Ausbildungsbetrieben im Handwerk können frühe Arbeitszeiten, wechselnde Einsatzorte oder fehlende Verbindungen zum Problem werden.

Wenn der Bus nicht rechtzeitig fährt, hilft auch das schönste Mobilitätskonzept nichts.

Der Auszubildende braucht dann ein Auto.

Und das Auto braucht Sprit.

Wir wollen Fachkräfte – aber wer bezahlt den Weg dorthin?

Genau hier liegt der Widerspruch.

Politik und Wirtschaft sprechen seit Jahren davon, dass Deutschland dringend Fachkräfte braucht.

Das Handwerk sucht Nachwuchs.

Junge Menschen sollen eine Ausbildung machen.

Doch gleichzeitig steigen die Kosten, die mit dieser Ausbildung verbunden sind.

Was bringt die beste Ausbildungsstelle, wenn sich der Auszubildende den täglichen Weg dorthin kaum leisten kann?

Das ist keine Frage von Luxus.

Das ist eine Frage der Erreichbarkeit von Ausbildung.

Fachkräfte wachsen nicht an der Zapfsäule

Vielleicht sollten wir beim Thema Fachkräftemangel deshalb einmal über etwas sprechen, das gerne vergessen wird:

Mobilität kostet Geld.

Besonders junge Menschen verfügen aber am Anfang ihres Berufslebens über vergleichsweise wenig Einkommen.

Wenn davon jeden Monat rund 300 Euro oder mehr allein für den Arbeitsweg verschwinden, ist das eine enorme Belastung.

Und dabei geht es noch nicht einmal um einen extravaganten Lebensstil.

Es geht um einen jungen Menschen, der morgens aufsteht, zur Arbeit fährt, seinen Beruf lernt und abends wieder nach Hause kommt.

Arbeiten, um zur Arbeit zu kommen.

Das klingt zugespitzt.

Aber genau darin steckt das Problem.

Wer Ausbildung will, muss Ausbildung auch erreichbar machen

Wenn wir tatsächlich mehr junge Menschen für das Handwerk gewinnen wollen, reicht es nicht, ihnen zu sagen, dass Handwerker gebraucht werden.

Wir müssen auch die Rahmenbedingungen betrachten.

Dazu gehört die Frage, wie Auszubildende ihren Weg zur Ausbildungsstätte finanzieren können.

Denkbar wären beispielsweise stärkere Fahrtkostenzuschüsse, bessere Mobilitätsangebote für Azubis oder eine gezieltere Unterstützung bei besonders langen täglichen Fahrtstrecken.

Denn eines sollte klar sein:

Nicht jeder junge Mensch hat Eltern, die die zusätzlichen Kosten dauerhaft auffangen können.

Und nicht jeder Ausbildungsplatz befindet sich direkt vor der Haustür.

Der Fachkräftemangel beginnt manchmal schon auf dem Weg zur Arbeit

Vielleicht liegt genau hier ein Teil des Problems, über das wir viel zu selten sprechen.

Wir fragen:

Warum entscheiden sich junge Menschen nicht für eine Ausbildung?

Wir sollten aber auch fragen:

Was kostet es einen jungen Menschen eigentlich, eine Ausbildung anzunehmen?

Im Fall unseres Azubis aus Lustadt sind es rund 1.980 Kilometer im Monat und – bei der zugrunde gelegten Beispielrechnung – etwa 306 Euro Kraftstoffkosten.

Und das ist nur der Sprit.

Der Rest des Autos läuft auf eigene Rechnung.

Der Lehrlingslohn landet an der Zapfsäule.

Und anschließend fragen wir uns, warum junge Menschen Schwierigkeiten haben, finanziell auf eigenen Beinen zu stehen.

Fachkräfte wachsen nicht an der Zapfsäule.

Sie wachsen in unseren Ausbildungsbetrieben.

Aber sie müssen dort erst einmal hinkommen.

Resümee:
90 Kilometer jeden Tag – nur für den Weg zur Ausbildung. Ein Azubi aus Lustadt pendelt nach Karlsruhe. Bei rund 2,207 € für den Liter E10 können dabei allein für den Kraftstoff etwa 306 € im Monat zusammenkommen. Versicherung, Wartung und Reparaturen noch nicht eingerechnet. Arbeiten, um zur Arbeit zu kommen – können wir uns das bei unseren Azubis wirklich leisten?

André Braselmann

Ich bin unabhängiger freier Journalist aus der Verbandsgemeinde Rülzheim in der Südpfalz.

  • Ich berichte über Ereignisse, Menschen und Entwicklungen aus unserer Region.
  • Meine journalistische Arbeit finanziert sich nicht durch staatliche Fördermittel.
  • Unabhängiger Journalismus lebt von der Unterstützung seiner Leserinnen und Leser.

Gute Berichterstattung entsteht nicht von selbst. Sie braucht Zeit, Recherche und direkten Kontakt zu den Menschen vor Ort.

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