Heute genügt ein Regenbogen, und schon scheint die politische Einordnung festzustehen: LGBTQ, Pride, sexuelle Vielfalt. Doch wer glaubt, die Regenbogenfahne sei eine Erfindung der modernen LGBTQ-Bewegung, sollte einen Blick in die Geschichte werfen. Denn eine Regenbogenfahne wehte bereits vor rund 500 Jahren über den Aufständischen des Deutschen Bauernkriegs.
Es ging um Gott, Macht, Freiheit und den Widerstand gegen die Obrigkeit.
1525: Der Regenbogen über dem Bauernheer
Im Deutschen Bauernkrieg von 1524/25 spielte der Theologe und Reformator Thomas Müntzer eine zentrale Rolle. Als geistlicher Führer der Aufständischen in Thüringen stand er 1525 an der Spitze eines großen Bauernheeres.
Dieses Heer führte ein bemerkenswertes Symbol mit sich: einen Regenbogen auf seinen Fahnen.
Im Umfeld Müntzers stand der Regenbogen für den Bund mit Gott. Die Fahne besaß somit sowohl eine religiöse als auch eine politische Bedeutung.
Mit der heutigen LGBTQ-Politik hatte dies selbstverständlich nichts zu tun.
Bei der Schlacht von Frankenhausen soll sich sogar ein Regenbogen am Himmel gezeigt haben, den Müntzer und seine Anhänger als göttliches Zeichen deuteten. Die Schlacht endete für die Aufständischen in einer Katastrophe.
Dann kam 1978
Mehr als 450 Jahre später wurde der Regenbogen erneut zum Symbol einer gesellschaftlichen Bewegung.
1978 entwarf Gilbert Baker gemeinsam mit weiteren Aktivisten in San Francisco eine Regenbogenfahne für die dortige „Gay Freedom Day“-Parade.
Die ursprüngliche Fahne hatte acht Farben, denen jeweils unterschiedliche Bedeutungen zugeordnet waren.
Später entwickelte sich daraus die heute klassische sechsstreifige Regenbogenfahne.
An dieser Stelle ist historische Genauigkeit erforderlich:
Ja, diese Regenbogenfahne wurde ausdrücklich zum Symbol der Schwulenbewegung und später der LGBTQ-Bewegung.
Das lässt sich nicht bestreiten.
Ebenso wenig lässt sich jedoch die Geschichte des Regenbogens auf das Jahr 1978 reduzieren.
Denn zwischen Müntzers Bauernheer und der Pride-Bewegung liegen mehrere Jahrhunderte.
Und dann wurde aus einer Fahne ein ganzes System
Wer heute davon ausgeht, es gebe die eine Regenbogenfahne, wird spätestens bei einem Blick auf ihre jüngere Entwicklung überrascht.
Die klassische Pride Flag blieb nicht die einzige Variante.
2017: Die Philadelphia Pride Flag
In Philadelphia wurde eine Variante mit zusätzlichen schwarzen und braunen Streifen eingeführt.
Damit sollte ausdrücklich auf marginalisierte Gruppen innerhalb der LGBTQ-Gemeinschaft aufmerksam gemacht werden.
Der Regenbogen wurde dadurch um weitere politische und gesellschaftliche Botschaften ergänzt.
2018: Die Progress Pride Flag
Anschließend ging diese Entwicklung noch einen Schritt weiter.
Der Designer Daniel Quasar entwickelte 2018 die Progress Pride Flag.
Neben dem klassischen Regenbogen enthält sie einen auffälligen Chevron an der Fahnenstange. Darin finden sich unter anderem Schwarz, Braun sowie die Farben der Trans-Flagge.
Die dahinterstehende Idee war, die klassische Regenbogenfahne um weitere Gruppen und Themen zu ergänzen.
Aus einem Regenbogen entwickelte sich damit zunehmend ein komplexes politisches Symbolsystem.
2021: Die Intersex-Inclusive Progress Pride Flag
Doch auch damit war die Entwicklung nicht abgeschlossen.
Später wurde die Progress Pride Flag um das Symbol der Intersex-Community erweitert: ein gelbes Feld mit violettem Kreis.
Damit existieren heute verschiedene Varianten und Weiterentwicklungen der Pride-Fahne.
Und genau hier wird es interessant.
Wenn ein Symbol fortlaufend erweitert wird
Die Geschichte zeigt etwas, das in der heutigen Debatte häufig übersehen wird:
Symbole verändern sich.
Die 1978 von Gilbert Baker entworfene ursprüngliche Regenbogenfahne ist nicht identisch mit der später verbreiteten klassischen sechsstreifigen Pride Flag.
Die heutige Progress Pride Flag ist nicht identisch mit der klassischen Pride Flag.
Und die Intersex-Inclusive Progress Pride Flag ist wiederum eine Weiterentwicklung der Progress Pride Flag.
Das ist grundsätzlich nichts Ungewöhnliches.
Politische Bewegungen verändern sich. Gesellschaften verändern sich. Symbole verändern sich mit ihnen.
Daraus ergibt sich jedoch eine interessante Frage:
Wem gehört eigentlich der Regenbogen?
Der Regenbogen gehört niemandem
Das ist möglicherweise die wichtigste Unterscheidung.
- Die Pride-Regenbogenfahne ist ein LGBTQ-Symbol.
- Der Regenbogen selbst ist es nicht.
Der Regenbogen ist ein Naturphänomen und ein Symbol, das lange vor der modernen LGBTQ-Bewegung existierte.
- Er wurde in religiösen Zusammenhängen verwendet.
- Er wurde als Zeichen der Hoffnung verstanden.
- Er wurde politisch eingesetzt.
- Er wurde von Bewegungen und Organisationen immer wieder neu interpretiert.
- Und 1978 wurde er von der Schwulenbewegung in einer neuen Form zum Symbol ihrer politischen und gesellschaftlichen Forderungen gemacht.
Das ist eine Geschichte der Aneignung und Umdeutung – aber keine Geschichte des Eigentums.
Die moderne Regenbogenfahne hat mit LGBTQ zu tun – der Regenbogen nicht automatisch
Hier liegt der entscheidende Punkt.
Wer behauptet:
Die Regenbogenfahne ist ein LGBTQ-Symbol.
liegt richtig.
Wer behauptet:
Der Regenbogen hat mit LGBTQ überhaupt nichts zu tun.
liegt ebenfalls falsch, sofern damit die moderne Pride-Fahne gemeint ist.
Wer jedoch behauptet:
Der Regenbogen gehört der LGBTQ-Bewegung.
macht aus einer historischen Entwicklung einen vermeintlichen Eigentumsanspruch.
Dafür gibt es keine Grundlage.
- Ein Regenbogen am Himmel ist kein politisches Statement.
- Ein Kinderbild mit einem Regenbogen ist nicht automatisch Pride.
- Ein historisches Bild der Bauern von 1525 ist keine LGBTQ-Darstellung.
Und eine Pride Flag ist selbstverständlich ein politisches beziehungsweise gesellschaftliches Symbol.
Diese Dinge sollte man voneinander unterscheiden können.
Vom Gottesbund zum Kulturkampf
Was einst als Zeichen des Gottesbundes auf den Fahnen der Bauern erschien, wurde Jahrhunderte später zum Symbol einer Bürgerrechtsbewegung und anschließend immer weiter differenziert.
- 1525
- 1978
- 2017
- 2018
- 2021
Fünf historische Stationen, fünf unterschiedliche Kontexte.
Und dennoch taucht immer wieder dasselbe Grundmotiv auf:
der Regenbogen.
Das macht seine Geschichte nicht weniger interessant, sondern gerade besonders aufschlussreich.
Denn sie zeigt, wie Menschen ein gemeinsames Symbol immer wieder mit neuen Bedeutungen versehen.
Der heutige Kulturkampf macht die Sache unnötig kompliziert
Heute genügt häufig bereits ein Regenbogen, um Menschen politisch einzuordnen.
- Für die einen steht er für Freiheit und Vielfalt.
- Für andere steht er für eine politische Bewegung, deren Forderungen sie nicht teilen.
- Und wieder andere sehen darin schlicht einen Regenbogen.
Vielleicht wäre etwas mehr Gelassenheit angebracht.
Denn wer jedes Symbol politisch auflädt, macht aus unserer gesamten Alltagswelt einen politischen Schauplatz.
- Dann wird aus einem Regenbogen am Himmel eine Botschaft.
- Aus einem Kinderbuch eine Ideologie.
- Aus einer Fahne eine Weltanschauung.
- Und aus einem historischen Symbol eine aktuelle Konfliktzone.
Die eigentliche Pointe
Die zutreffende Aussage lautet daher nicht:
Die Regenbogenfahne hat nichts mit LGBTQ zu tun.
Das wäre historisch falsch.
Die zutreffende Aussage lautet:
Die LGBTQ-Regenbogenfahne ist eine moderne Verwendung eines Symbols, dessen Geschichte deutlich weiter zurückreicht.
Genau darin liegt der entscheidende Unterschied.
- Die Pride Flag hat eine LGBTQ-Geschichte.
- Die Geschichte des Regenbogens beginnt jedoch nicht mit Pride.
Sie beginnt nicht mit San Francisco.
Und sie beginnt schon gar nicht mit den heutigen politischen Debatten.
Der Regenbogen war bereits vorhanden, bevor es die moderne LGBTQ-Bewegung gab.
Und er wird auch noch existieren, wenn sich politische Bewegungen, ihre Fahnen und ihre Bedeutungen längst wieder verändert haben.
Vielleicht sollten wir deshalb aufhören, Symbole wie politische Grundstücke zu behandeln.
Der Regenbogen gehört niemandem.
- Nicht den Bauern.
- Nicht den Kirchen.
- Nicht den Parteien.
- Nicht den Aktivisten.
- Und auch nicht deren Gegnern.
Er gehört uns allen – oder, genauer gesagt:
Denn manchmal ist ein Regenbogen einfach ein Regenbogen.
André Braselmann
Ich bin unabhängiger freier Journalist aus der Verbandsgemeinde Rülzheim in der Südpfalz.
- Ich berichte über Ereignisse, Menschen und Entwicklungen aus unserer Region.
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