Niedrigwasser am Rhein: Wie viele Lkw müssen die Binnenschifffahrt ersetzen?

Niedrigwasser am Rhein: Wie viele Lkw müssen die Binnenschifffahrt ersetzen?

Wenn der Rhein zu wenig Wasser hat: Tausende Lkw sollen plötzlich übernehmen

Niedrigwasser am Rhein ist nicht nur ein Problem für die Binnenschifffahrt. Es zeigt, wie abhängig Deutschlands Wirtschaft von funktionierenden Verkehrswegen ist. Wer glaubt, man könne die fehlenden Transportkapazitäten einfach auf die Straße verlagern, sollte einmal nachrechnen.

Ein Schiff ist eben nicht ein Lkw

Der Rhein ist eine der wichtigsten Güterverkehrsachsen Europas. Jeden Tag werden hier große Mengen an Rohstoffen, Baustoffen, Energieträgern, chemischen Produkten und anderen Waren transportiert.

Doch wenn das Wasser knapp wird, sinkt die mögliche Zuladung der Schiffe drastisch.

Und dann beginnt das große Rechnen.

Nehmen wir vereinfacht einen Lkw mit 25 Tonnen Nutzlast. Ein Rheinschiff, das unter normalen Bedingungen beispielsweise 3.000 bis 4.000 Tonnen transportieren kann, entspricht damit theoretisch 120 bis 160 Lkw.

Bei Niedrigwasser kann sich die Ladekapazität eines Schiffes jedoch massiv reduzieren.

Das bedeutet: Was das Schiff nicht mehr mitnehmen kann, muss irgendwie anders transportiert werden.

Und dieser irgendwie-Teil heißt häufig: Straße.

2.700 Tonnen fehlen – 108 Lkw müssen ran

Nehmen wir ein Schiff, das normalerweise 3.600 Tonnen Ladung transportieren könnte.

Bei extremem Niedrigwasser bleiben beispielsweise nur 900 Tonnen übrig.

2.700 Tonnen Transportkapazität fehlen.

Bei 25 Tonnen Nutzlast pro Lkw entspricht das:

108 zusätzliche Lkw-Fahrten.

Für ein einziges Schiff.

Und genau hier wird deutlich, wie absurd die Vorstellung ist, man könne einen Ausfall der Binnenschifffahrt einfach problemlos durch Lastwagen kompensieren.

Der Rhein transportiert nicht mit der Schubkarre

Der Rhein ist kein kleiner regionaler Verkehrsweg.

Er ist eine der Lebensadern der deutschen und europäischen Industrie.

Wenn Millionen Tonnen Güter über einen längeren Zeitraum nicht in der gewohnten Menge per Schiff transportiert werden können, entstehen nicht plötzlich ein paar zusätzliche Lkw-Fahrten.

Es können hunderttausende zusätzliche Lkw-Fahrten zusammenkommen.

Und jeder dieser Lkw benötigt einen Fahrer, Diesel beziehungsweise Strom, Straßenkapazität, Parkmöglichkeiten, Logistikzentren und Zeit.

Die Rechnung endet deshalb nicht bei der Nutzlast.

Mehr Lkw bedeutet mehr Belastung für die Straße

Wer Güter vom Wasser auf die Straße verlagert, verlagert nicht nur den Transport.

Er verlagert auch die Belastung.

Auf Autobahnen und Bundesstraßen bedeutet das zusätzliche Fahrzeuge, mehr Staus, mehr Verschleiß und zusätzlichen Bedarf an Logistikflächen.

Und gerade in Deutschland ist die Infrastruktur bereits vielerorts am Limit.

Brücken müssen saniert werden. Autobahnen werden ausgebaut. Baustellen gehören zum Alltag.

Und dann soll ausgerechnet der Lkw plötzlich die Transportleistung übernehmen, die der Rhein nicht mehr schafft?

Das klingt auf dem Papier einfacher, als es in der Realität ist.

Der Denkfehler der Verkehrspolitik

Das eigentliche Problem liegt deshalb tiefer.

Deutschland hat über Jahrzehnte ein Verkehrssystem aufgebaut, in dem Wasserstraße, Schiene und Straße miteinander verbunden sind.

Fällt eine dieser Säulen teilweise aus, müssen die anderen einspringen.

Doch keine dieser Verkehrsträger kann beliebig die Kapazität eines anderen übernehmen.

Ein Güterschiff lässt sich nicht einfach durch einen einzelnen Lastwagen ersetzen.

Und eine zusätzliche Lkw-Kolonne ersetzt auch nicht automatisch die Leistungsfähigkeit eines leistungsfähigen Wasserwegs.

Niedrigwasser ist deshalb eine Warnung

Der aktuelle Rhein zeigt einmal mehr, wie verletzlich unsere Logistikketten sind.

Niedrigwasser ist kein politisches Schlagwort. Es ist eine physikalische Tatsache.

Wasserstände lassen sich nicht durch politische Beschlüsse erhöhen.

Was sich allerdings beeinflussen lässt, ist die Frage, wie robust unser Verkehrssystem gegenüber solchen Situationen ist.

  • Dazu gehört eine leistungsfähige Schiene.
  • Dazu gehören intakte Straßen.
  • Dazu gehört eine funktionierende Binnenschifffahrt.

Und dazu gehört vor allem eine Verkehrspolitik, die nicht ständig einen Verkehrsträger gegen den anderen ausspielt.

Denn die Rechnung kommt am Ende beim Verbraucher an

  • Wenn ein Schiff weniger laden kann, müssen Waren anders transportiert werden.
  • Wenn mehr Lkw eingesetzt werden müssen, steigen die Transportkosten.
  • Wenn Transportkosten steigen, werden Waren teurer.
  • Und wenn gleichzeitig Infrastruktur fehlt, werden die Transportwege länger und unzuverlässiger.

Am Ende bezahlt die Rechnung nicht der Rhein.

Sie bezahlt der Verbraucher.

Niedrigwasser macht deshalb eines deutlich: Deutschland braucht keine ideologischen Verkehrskonzepte, sondern ein belastbares Verkehrssystem.

Denn wenn der Rhein schwächelt, kann man nicht einfach sagen:

Dann nehmen wir eben den Lkw.

Man sollte vorher einmal ausrechnen, wie viele davon dafür überhaupt nötig wären.

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André Braselmann
Ich bin unabhängiger freier Journalist aus der Verbandsgemeinde Rülzheim in der Südpfalz.
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André Braselmann


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