Wer kontrolliert eigentlich die Kommunalpolitik?
Interessenkonflikte, politische Netzwerke und Millionengeschäfte: Was in Rülzheim und im Landkreis Germersheim genauer hingeschaut werden sollte.
Kommunalpolitik ist nah am Bürger. Und genau deshalb sollte sie besonders transparent sein.
Denn während in Berlin über Lobbyismus, Seitenwechsel und politische Netzwerke diskutiert wird, spielt sich die eigentliche Machtpolitik oft viel unspektakulärer ab: im Rathaus, im Gemeinderat, im Kreistag, in Ausschüssen, bei Grundstücksgeschäften, Auftragsvergaben und kommunalen Gesellschaften.
Es geht dabei nicht darum, irgendjemanden vorschnell der Vorteilsnahme oder gar der Korruption zu bezichtigen.
Im Gegenteil.
Es geht um etwas viel Einfacheres: Wer entscheidet eigentlich worüber – und welche anderen Funktionen, beruflichen Tätigkeiten oder persönlichen Verbindungen bestehen daneben?
Genau diese Fragen sollten sich auch Bürger in Rülzheim und im Landkreis Germersheim stellen.
1. Martin Brandl und die Sparkasse: Ein Interessenkonflikt oder nur eine unglückliche Doppelrolle?
Beginnen wir beim Landkreis.
Landrat Martin Brandl ist Mitglied im Verwaltungsrat der Sparkasse Südpfalz. Außerdem ist er Vorsteher des Sparkassenzweckverbandes. (Kreis Germersheim)
Gleichzeitig bot Brandl der Sparkasse Südpfalz das Verwaltungsgebäude des Landkreises am Luitpoldplatz in Germersheim zum Kauf an. Die Sparkasse zeigte Interesse und plante dort einen Neubau. (Sparkasse Südpfalz)
Später gab die Sparkasse grünes Licht für den Kauf des Kreishauses. (Rheinpfalz)
Damit stehen zwei Rollen nebeneinander:
Landrat – Verkäufer
und
Sparkassen-Verwaltungsrat – Käuferseite.
Ist das automatisch ein Interessenkonflikt?
Nein.
Aber es ist eine Konstellation, bei der Transparenz besonders wichtig ist.
- Wer hat verhandelt?
- Wer hat den Wert der Immobilie ermittelt?
- Welche Alternativen wurden geprüft?
- Wie wurde sichergestellt, dass Brandls Funktion im Verwaltungsrat der Sparkasse keinen Einfluss auf die Interessenvertretung des Landkreises hatte?
Und vor allem:
Wie wurde mit möglichen Befangenheitsfragen umgegangen?
Das sind keine Unterstellungen.
Das sind Fragen, die sich bei einem millionenschweren Immobiliengeschäft zwischen einer kommunalen Gebietskörperschaft und einer Institution mit personellen Verbindungen zur politischen Führung geradezu aufdrängen.
2. Der Landkreis zieht nach Rülzheim – aber wem gehört eigentlich das Gebäude?
Der zweite interessante Vorgang spielt sich ausgerechnet in Rülzheim ab.
Die Kreisverwaltung verlagert verschiedene Fachbereiche in das ehemalige ITK-Gebäude im Speyerer Tal 7. Seit Mai beziehungsweise Juni 2026 sind dort unter anderem Zentrale Dienste, das Büro des Landrats, Gebäudemanagement, Personal, Umwelt und Hochbau angesiedelt. (Kreis Germersheim)
Das Standortkonzept des Landkreises sieht Rülzheim als wichtigen neuen Verwaltungsstandort vor. (Kreis Germersheim)
Und damit stellt sich die nächste Frage:
Wer ist eigentlich Eigentümer des Gebäudes und wer ist Vertragspartner des Landkreises?
Diese Frage ist für eine journalistische Recherche keineswegs nebensächlich.
Denn erst wenn Eigentümer, Vermieter, Gesellschaftsstruktur und wirtschaftlich Verantwortliche bekannt sind, kann man prüfen, ob es politische oder persönliche Verbindungen zu Entscheidungsträgern gibt.
Es geht nicht darum, aus einem Mietvertrag einen Skandal zu machen.
Es geht darum, wirtschaftliche Beziehungen der öffentlichen Hand nachvollziehbar zu machen.
3. Sandra Jäger: Kommunalpolitik und Beruf – wo verlaufen die Grenzen?
Und dann ist da Sandra Jäger.
Die Grünen führen sie als Mitglied und stellvertretende Sprecherin der Kreistagsfraktion sowie als Mitglied und Fraktionsvorsitzende der Grünen im Gemeinderat Rülzheim. (Grüne Ger)
Gleichzeitig ist sie als Rechtsanwältin tätig.
Auch das ist selbstverständlich legitim.
Aber gerade die Verbindung von freier Berufstätigkeit und kommunalpolitischem Mandat verdient einen genaueren Blick.
Nicht weil daraus automatisch ein Interessenkonflikt entsteht.
Sondern weil die entscheidende Frage lautet:
Was passiert, wenn ein beruflicher Kontakt irgendwann mit einer kommunalen Entscheidung zusammentrifft?
Dann muss klar sein:
- Wann spricht die Rechtsanwältin?
- Wann spricht die Kommunalpolitikerin?
- Und wann müsste die Kommunalpolitikerin wegen einer möglichen persönlichen Betroffenheit draußen bleiben?
Auch hier gilt:
Keine Vorverurteilung – aber vollständige Transparenz.
4. Vereine und Stiftungen: Ehrenamt ist gut – Verflechtung muss trotzdem sichtbar bleiben
Kommunalpolitiker engagieren sich in Vereinen, Verbänden und Stiftungen.
Das ist grundsätzlich etwas Positives.
Problematisch wird es erst dann, wenn eine Organisation, in der ein Mandatsträger eine Funktion innehat, gleichzeitig von einer kommunalen Entscheidung betroffen ist.
Dann muss gefragt werden:
- Hat das Ratsmitglied mitberaten?
- Hat es abgestimmt?
- Wurde eine Befangenheit geprüft?
- Ist dies in der Sitzungsniederschrift dokumentiert?
Gerade bei Sandra Jäger lohnt sich deshalb auch ein Blick auf frühere Funktionen und kommunale Entscheidungen.
Denn die Frage ist nicht, ob ehrenamtliches Engagement erlaubt ist.
Natürlich ist es das.
Die Frage ist:
Wie sauber werden die verschiedenen Rollen voneinander getrennt?
5. Das Baugebiet Im Brühl: 68 Grundstücke und 350 Euro pro Quadratmeter
Noch konkreter wird es beim Thema Grundstücke.
In Leimersheim – also innerhalb der Verbandsgemeinde Rülzheim – geht es im Baugebiet Im Brühl um insgesamt 68 Baugrundstücke. Die Gemeinde hat kommunale Grundstücke zu vergeben. Für die aktuelle Vergaberunde wurden vier Grundstücke ausgeschrieben; der Kaufpreis beträgt 350 Euro je Quadratmeter. (VG Ruelzheim)
Die Vergabe erfolgt nach einem vom Gemeinderat beschlossenen Verfahren.
Das klingt zunächst vorbildlich.
Und genau deshalb sollte man es auch transparent dokumentieren.
Denn Grundstücksvergaben gehören zu den Bereichen kommunaler Politik, bei denen Befangenheit besonders sorgfältig geprüft werden muss.
Die Fragen liegen auf der Hand:
- Hat ein Ratsmitglied selbst Interesse an einem Grundstück?
- Haben Angehörige von Ratsmitgliedern Interesse?
- Gibt es persönliche oder geschäftliche Verbindungen zu Bewerbern?
- Wer war an der Vergabeentscheidung beteiligt?
- Wurde eine Befangenheit erklärt?
Die Gemeinde selbst spricht von einem transparenten System für die Vergabe der knappen Bauplätze. (VG Ruelzheim)
Dann sollte es auch möglich sein, nachvollziehbar zu dokumentieren, wie diese Transparenz praktisch umgesetzt wurde.
6. Kommunale Aufträge: Wer bekommt das Geld der Steuerzahler?
Der nächste große Prüfbereich sind Auftragsvergaben.
Ein Blick in die Sitzungsberichte zeigt, dass in Rülzheim regelmäßig Aufträge für kommunale Projekte vergeben werden.
Ein Beispiel ist der Neubau der Kindertagesstätte Villa Zauberwald. Die Gesamtkosten werden mit rund 9,2 Millionen Euro angegeben. Im Zusammenhang mit dem Projekt wurden verschiedene Gewerke vergeben. (VG Ruelzheim)
Und genau hier beginnt die eigentlich spannende Recherche.
Nicht:
Hat Firma X den Auftrag bekommen?
Sondern:
Welche Beziehungen bestehen zwischen Auftragnehmern und Entscheidungsträgern?
Das ist ein entscheidender Unterschied.
Ein Unternehmen darf selbstverständlich einen kommunalen Auftrag erhalten.
Aber wenn ein Ratsmitglied beispielsweise gleichzeitig Eigentümer, Geschäftsführer, Mitarbeiter, Berater oder enger Geschäftspartner eines Auftragnehmers wäre, müsste genau hingesehen werden.
Deshalb wäre eine öffentliche Übersicht sinnvoll:
Auftrag – Auftragssumme – Auftragnehmer – Beschluss – beteiligte Ratsmitglieder – dokumentierte Befangenheit.
Denn öffentliche Aufträge sind schließlich öffentliches Geld.
7. Michael Braun: Gemeinde und Landkreis gleichzeitig im Blick
Auch Michael Braun gehört in eine solche Untersuchung.
Denn politische Funktionen auf mehreren Ebenen sind zwar normal, können aber bei bestimmten Entscheidungen zu Überschneidungen führen.
Ortsbürgermeister, Verbandsgemeinde und Kreistag sind unterschiedliche politische Ebenen.
Doch wenn beispielsweise
Landkreis → Fördermittel → Gemeinde
oder
Landkreis → Grundstück → Gemeinde
oder
Landkreis → kommunales Projekt → Gemeinde
zusammentreffen, sollte nachvollziehbar sein, wer an welcher Stelle beteiligt war.
Das gilt nicht nur für Michael Braun.
Das gilt für jeden Kommunalpolitiker.
8. Reiner Hör und die Frage nach politischen Netzwerken
Auch Mehrfachfunktionen wie bei Reiner Hör verdienen einen Blick.
Ortsgemeinde, Kreistag, politische Wählergruppe und kommunale Entscheidungsprozesse überschneiden sich in einer relativ kleinen Region zwangsläufig.
Das bedeutet nicht, dass etwas falsch läuft.
Aber es bedeutet:
Je kleiner die politische Welt, desto wichtiger ist Transparenz.
Denn in einer Gemeinde kennt man sich.
- Man sitzt gemeinsam in Vereinen.
- Man arbeitet miteinander.
- Man kennt Unternehmer.
- Man kennt Grundstückseigentümer.
- Man kennt Verwaltungsmitarbeiter.
Und genau deshalb kann die Behauptung „Wir kennen uns doch alle“ kein Ersatz für nachvollziehbare Regeln sein.
9. Matthias Schardt und Leimersheim
Auch Ortsbürgermeister und Kreistagsmitglieder mit Doppelrolle gehören in die Untersuchung.
Bei Matthias Schardt ist insbesondere die Verbindung zwischen Ortsgemeinde Leimersheim und Kreispolitik interessant.
Denn in Leimersheim stehen nicht nur Grundstücksfragen auf der Tagesordnung.
Im Gemeinderat werden beispielsweise auch Aufträge, Bauangelegenheiten und andere finanzielle Entscheidungen behandelt. In einem aktuellen Sitzungsbericht werden unter anderem weitere Grundstücksvergaben im Baugebiet „Im Brühl“, mehrere Aufträge für den Umbau der Schulmensa sowie Bauangelegenheiten genannt. (VG Ruelzheim)
Auch hier gilt:
Kein Vorwurf.
Aber eine klare Prüfregel:
Wenn ein Mandatsträger mehrere politische Hüte trägt, muss nachvollziehbar sein, welchen Hut er bei welcher Entscheidung trägt.
10. Das eigentliche Problem heißt nicht Korruption – es heißt Vertrauen
- Vielleicht ist am Ende alles vollkommen sauber.
- Vielleicht wurden alle Befangenheitsfragen geprüft.
- Vielleicht wurden sämtliche Entscheidungen korrekt vorbereitet.
- Vielleicht gibt es für jede einzelne wirtschaftliche Verbindung eine völlig harmlose Erklärung.
Dann sollte es eigentlich kein Problem sein, diese Informationen transparent zu machen.
Denn Transparenz schadet denjenigen nicht, die nichts zu verbergen haben.
Sie schützt sie sogar.
Was Kommunalpolitik dagegen nicht gebrauchen kann, ist der Eindruck:
Das haben wir schon immer so gemacht.
Oder:
Das ist doch alles ganz normal.
Oder:
Da gibt es überhaupt keinen Grund nachzufragen.
Doch. Es gibt einen Grund.
Der Bürger bezahlt die Rechnung.
Deshalb braucht Rülzheim eine Interessenkonflikt-Karte
Warum nicht einmal umgekehrt denken?
Nicht erst warten, bis ein Skandal entsteht.
Sondern vorher Transparenz schaffen.
Für jedes Ratsmitglied könnten öffentlich dokumentiert werden:
- politische Ämter
- Ausschussmitgliedschaften
- berufliche Funktionen
- öffentlich bekannte Unternehmensfunktionen
- Vereins- und Stiftungsfunktionen
- relevante kommunale Entscheidungen
- mögliche persönliche Betroffenheit
- dokumentierte Befangenheit
- Abstimmungsverhalten, soweit öffentlich dokumentiert
Das wäre kein Pranger.
Es wäre demokratische Kontrolle.
Und diese Kontrolle müsste für alle gelten.
- Für AfD.
- Für CDU.
- Für Grüne.
- Für SPD.
- Für FDP.
- Für Freie Wähler.
- Für Aktive Bürger.
- Für jedes einzelne Ratsmitglied.
Die sieben Fragen, die jetzt beantwortet werden sollten
Am Ende braucht es gar keinen politischen Untersuchungsausschuss.
Es braucht zunächst nur Antworten auf sieben einfache Fragen:
1. Sparkasse
Wie wurde beim Verkauf des Kreisverwaltungsgebäudes mit der Doppelrolle von Landrat Martin Brandl und seiner Funktion bei der Sparkasse umgegangen?
2. Rülzheimer ITK-Standort
Wer ist Eigentümer beziehungsweise Vertragspartner des Gebäudes, in dem die Kreisverwaltung in Rülzheim untergebracht ist?
3. Sandra Jäger
Welche öffentlich dokumentierten beruflichen, kommunalpolitischen, Vereins- oder Stiftungsfunktionen überschneiden sich mit Entscheidungen, an denen sie beteiligt war?
4. Grundstücke
Wer entscheidet über die Vergabe kommunaler Baugrundstücke und wie werden mögliche Befangenheiten dokumentiert?
5. Aufträge
Welche Unternehmen erhielten in den vergangenen Jahren größere kommunale Aufträge – und bestehen öffentlich erkennbare Verbindungen zu Mandatsträgern?
6. Mehrfachmandate
Wie wird verhindert, dass Orts-, Verbands- und Kreispolitik bei konkreten wirtschaftlichen Entscheidungen zu Interessenkollisionen führen?
7. Dokumentation
Wo können Bürger nachvollziehen, ob und wann ein Mandatsträger wegen möglicher Befangenheit nicht an einer Entscheidung mitgewirkt hat?
Wer nichts zu verbergen hat, sollte Transparenz nicht fürchten
Es geht nicht darum, Politiker an den Pranger zu stellen.
Es geht darum, politische Macht kontrollierbar zu halten.
- Martin Brandl muss deshalb nicht unterstellt werden, dass er wegen seiner Sparkassenfunktion einen unzulässigen Einfluss ausgeübt hat.
- Sandra Jäger muss nicht unterstellt werden, dass ihre berufliche Tätigkeit ihre kommunalpolitischen Entscheidungen beeinflusst.
- Michael Braun, Reiner Hör oder Matthias Schardt muss ebenfalls niemand etwas unterstellen.
Aber alle müssen sich dieselbe Frage gefallen lassen wie jeder andere Politiker auch:
Welche Interessen und Funktionen treffen bei dieser Entscheidung aufeinander?
Und genau dort beginnt Transparenz.
Denn Demokratie funktioniert nicht dadurch, dass Bürger ihren gewählten Vertretern blind vertrauen.
Demokratie funktioniert dadurch, dass Bürger kontrollieren können, was ihre Vertreter tun.
Rülzheim und der Landkreis Germersheim brauchen deshalb keine Gerüchteküche.
Sie brauchen etwas viel Einfacheres:
Offene Akten. Klare Regeln. Nachvollziehbare Entscheidungen. Und Politiker, die sich freiwillig kontrollieren lassen.
Denn am Ende gehört die kommunale Politik nicht den Fraktionen.
- Nicht den Parteien.
- Nicht den Bürgermeistern.
- Nicht den Netzwerken.
Sie gehört den Bürgern.
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