Erst Maulkorb, dann Entschuldigung

Alphaville sagt Hockenheim ab

Alphaville kommt nicht nach Hockenheim. Trotz erneuter Einladung. Trotz Entschuldigung. Und genau darin liegt die eigentliche Botschaft dieses Streits: Wer Künstler erst wegen möglicher politischer Äußerungen auslädt und anschließend glaubt, eine Entschuldigung könne alles wieder reparieren, hat offenbar nicht verstanden, was Vertrauen bedeutet.

Der Vorgang rund um das Glücksgefühle-Festival ist mehr als eine kuriose Episode aus dem Konzertgeschäft. Er ist ein Lehrstück darüber, wie Veranstalter mit Künstlern umgehen sollten – und wie besser nicht.

Zunächst wurde Alphaville aus dem Programm genommen, weil offenbar keine Einigung darüber erzielt werden konnte, welche politischen Äußerungen auf der Bühne möglich sein sollten. Sänger Marian Gold sprach daraufhin von einem Maulkorberlass.

Man kann über diese Wortwahl diskutieren.

Man kann aber nicht ernsthaft erwarten, dass ein Künstler eine solche Auseinandersetzung einfach vergisst, nur weil der Veranstalter später feststellt, dass die eigene Entscheidung ein Fehler war.

Denn wer einem Künstler zunächst Grenzen für das gesprochene Wort setzen will, muss sich nicht wundern, wenn dieser Künstler irgendwann keine Lust mehr hat, auf genau dieser Bühne zu stehen.

Das besonders Fragwürdige daran ist die Reihenfolge.

  • Erst die Einschränkung.
  • Dann die Ausladung.
  • Dann die öffentliche Kritik.
  • Dann die Erkenntnis, dass die Entscheidung vielleicht doch keine gute Idee war.
  • Und schließlich die Wiedereinladung.

Das ist kein souveräner Umgang mit einem Konflikt.

Das wirkt vielmehr wie der Versuch, einen entstandenen Imageschaden nachträglich zu reparieren.

Natürlich besitzt ein privater Veranstalter Hausrecht. Natürlich kann er Künstler auswählen und Verträge mit Bedingungen versehen. Niemand verlangt von einem Festival, jede politische Aussage unwidersprochen hinzunehmen.

Aber Hausrecht ist kein Freibrief für politische Bevormundung.

Wer Künstler auf seine Bühne holt, muss sich darüber im Klaren sein, dass er Menschen engagiert – keine ferngesteuerten Unterhaltungsmaschinen.

Musiker sind keine Kulisse für Sponsorenlogos. Sänger sind keine Playlists auf zwei Beinen. Und eine Livebühne ist kein Ort, an dem ein Veranstalter bestimmen sollte, welche Haltung ein Künstler gefälligst einzunehmen hat.

Wenn ein Festival ausschließlich Musik ohne politische oder gesellschaftliche Einordnung möchte, kann es das selbstverständlich verlangen.

Dann muss diese Bedingung aber vor der Verpflichtung auf dem Tisch liegen – und nicht erst dann, wenn der Künstler tatsächlich etwas sagt, das dem Veranstalter unangenehm werden könnte.

Genau an diesem Punkt liegt die Verantwortung bei den Veranstaltern.

Sie wollen die großen Namen, die Aufmerksamkeit, die Reichweite, die Fans und die mediale Wirkung. Dann müssen sie auch akzeptieren, dass diese Künstler eine eigene Stimme besitzen.

Man kann nicht gleichzeitig von der Authentizität eines Künstlers profitieren und ihm vorschreiben wollen, welche Teile seiner Persönlichkeit auf der Bühne sichtbar werden dürfen.

Das wäre die bequemste Form des Kulturgeschäfts: Die Künstler liefern die Hits, die Veranstalter kassieren die Aufmerksamkeit – und bei politischen Aussagen wird das Mikrofon gedanklich wieder abgeschaltet.

So funktioniert Kunstfreiheit allerdings nicht.

Dass Festivalchef Markus Krampe die Ausladung später als Fehler bezeichnete und sich entschuldigte, ist deshalb grundsätzlich richtig. Eine falsche Entscheidung einzugestehen verdient mehr Respekt als sie stur zu verteidigen.

Nur kommt diese Einsicht offenbar zu spät.

Alphaville hat sich gegen die erneute Einladung entschieden. Und auch das sollte ein Veranstalter akzeptieren, ohne den Künstlern daraus einen Vorwurf zu machen.

Wer eine Vertrauensbeziehung beschädigt, kann nicht anschließend verlangen, dass der andere Teil auf Knopfdruck wieder zur Tagesordnung übergeht.

Die angekündigte Spende der Gage an eine gemeinnützige Organisation setzt unter den Streit zumindest einen bemerkenswerten Schlusspunkt.

Für Veranstalter sollte der Fall dagegen eine Warnung sein.

Wer Künstler auf seine Bühne holt, sollte ihnen nicht erst nachträglich erklären, wie frei sie dort sein dürfen.

Denn eine Bühne, auf der nur das gesagt werden darf, was niemanden stört, ist zwar vielleicht konfliktfrei.

Aber sie ist auch verdammt langweilig.

Und wenn Veranstalter politische Meinungen aus ihrem Festival heraushalten wollen, ist das ihr gutes Recht.

Dann sollten sie allerdings auch den Mut haben, das offen zu sagen – bevor sie den Künstler buchen, nicht nachdem er den Mund aufmacht.

André Braselmann

Ich bin unabhängiger freier Journalist aus der Verbandsgemeinde Rülzheim in der Südpfalz.

  • Ich berichte über Ereignisse, Menschen und Entwicklungen aus unserer Region.
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