Antifa und die radikale Linke: Gewalt, Antisemitismus und die Frage nach der Abgrenzung
Bremen in der Nacht zum Tag der Deutschen Einheit: Steine, Flaschen und Pyrotechnik fliegen auf Polizisten. Ein Beamter wird verletzt, vier Personen werden festgenommen. Wenige Stunden zuvor waren Hunderte Menschen unter dem Motto „Kein Frieden mit der Nation!“ durch die Stadt gezogen.
Dazu kommen Antifa-Ost und die sogenannte Hammerbande, militante Angriffe auf politische Gegner, Anschläge auf kritische Infrastruktur und eine inzwischen bis in den Deutschen Bundestag reichende Debatte über Antisemitismus in Teilen der politischen Linken.
Die Frage muss erlaubt sein: Wie glaubwürdig ist die immer wieder vorgetragene Abgrenzung vom Linksextremismus tatsächlich?
Dabei muss eines vorweg klargestellt werden: „Die Antifa“ ist keine zentral geführte Organisation mit Vorstand, Mitgliedsausweisen und Bundesgeschäftsstelle. Der Begriff umfasst unterschiedliche antifaschistische Gruppen und Strömungen. Nicht jeder Antifaschist ist Linksextremist und nicht jede linke Organisation gehört zur militanten Szene.
Doch das Fehlen einer Antifa-Zentrale darf ebenso wenig dazu dienen, dokumentierte linksextremistische Gewalt kleinzureden.
Bremen: „Kein Frieden mit der Nation“ – und später fliegen Steine auf Polizisten
Ausgerechnet rund um die zentralen Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit liefert Bremen ein aktuelles Beispiel dafür, warum die Diskussion über militante Teile des linken Spektrums geführt werden muss.
Am 2. Oktober demonstrierten nach Angaben der Polizei rund 700 Menschen gegen die Einheitsfeier. Radio Bremen berichtete von einem Aufruf aus dem linken Spektrum unter dem Motto „Kein Frieden mit der Nation. Gegen Nationalismus, Militarisierung und Sozialabbau“. Die Veranstalter sprachen von rund 1.000 Teilnehmern.
Der Deutschlandfunk berichtet, dass die Kundgebung von der „Basisgruppe Antifaschismus Bremen“ angemeldet worden war. Während des Aufzugs wurden vereinzelt Bengalos und Böller gezündet.
Die Demonstration selbst blieb nach Angaben von Radio Bremen allerdings friedlich. Diese Unterscheidung ist wichtig.
Später in der Nacht eskalierte die Situation an der Sielwallkreuzung.
Nach Angaben von Radio Bremen wurde die Polizei dort mit Steinen, Böllern und anderen Gegenständen beworfen. Ein Polizeibeamter wurde verletzt. Vier Personen wurden festgenommen.
Nach weiteren Berichten wurden auch Flaschen und Pyrotechnik gegen Einsatzkräfte eingesetzt. Die Polizei fertigte Strafanzeigen und räumte die Kreuzung.
Damit liegen zwei Sachverhalte vor, die journalistisch nicht miteinander verschmolzen werden dürfen: zunächst die Demonstration linker Gruppen und anschließend die nächtlichen Ausschreitungen.
Ob und in welchem Umfang die späteren Angreifer Teilnehmer der vorangegangenen Antifa-Demonstration waren, muss ermittelt werden.
Aber auch ohne eine solche Vorverurteilung bleibt ein bemerkenswertes Gesamtbild: Während Deutschland seine Wiedervereinigung feiert, wird unter der Parole „Kein Frieden mit der Nation“ demonstriert – und nur Stunden später werden in derselben Stadt Polizeibeamte mit Steinen, Flaschen und Pyrotechnik attackiert.
Schon vor dem 3. Oktober gab es Warnungen
Völlig überraschend kam die angespannte Lage nicht.
Bremens Polizei bereitete sich auf ihren bis dahin größten Einsatz vor. Für die Einheitsfeier wurden zusätzlich Tausende Einsatzkräfte aus anderen Bundesländern erwartet. Sicherheitsbehörden mussten neben Hunderttausenden Besuchern auch Demonstrationen und den Schutz hochrangiger Staatsvertreter berücksichtigen.
Auch die Gewerkschaft der Polizei Bremen hatte bereits am 22. September vor zunehmender linksextremistischer Gewalt gewarnt und dabei auf vorherige Anschläge mit Bezug zu den Feierlichkeiten hingewiesen. Das ist zunächst die Bewertung der Polizeigewerkschaft und keine gerichtliche Feststellung – angesichts der Ereignisse vom 2. und 3. Oktober gehört sie jedoch zur politischen Debatte.
Antifa-Ost: Gewalt ist keine Erfindung politischer Gegner
Bremen steht nicht isoliert.
Ein besonders drastischer Komplex ist das Netzwerk „Antifa-Ost“, das wegen eines verwendeten Tatmittels häufig als Hammerbande bezeichnet wird.
Das Bundesamt für Verfassungsschutz beschreibt Antifa-Ost als Netzwerk gewaltbereiter Linksextremisten. Den Beteiligten werden Angriffe auf Personen zugerechnet, die sie selbst dem rechtsextremen Spektrum zuordneten.
Der entscheidende Punkt ist dabei unabhängig von der politischen Einstellung der Opfer:
In einem Rechtsstaat entscheiden weder Hammer noch Schlagstock darüber, wer schuldig ist.
Wer einen politischen Gegner zusammenschlägt, verteidigt keine Demokratie. Er stellt sein eigenes politisches Urteil über das staatliche Gewaltmonopol.
Schwarzer Block: Vermummung ist keine politische Argumentation
Seit Jahrzehnten gehört auch der sogenannte Schwarze Block zum Erscheinungsbild militanter Demonstrationen.
Dabei handelt es sich nicht um eine einzelne Organisation, sondern um eine Aktionsform. Teilnehmer treten häufig geschlossen und vermummt auf.
Auch hier muss differenziert werden: Schwarze Kleidung allein macht niemanden zum Gewalttäter.
Wo jedoch aus solchen Gruppen heraus Steine, Flaschen oder Pyrotechnik gegen Polizeibeamte eingesetzt, Gebäude beschädigt oder politische Gegner angegriffen werden, endet legitimer Protest.
Eine Demokratie muss Demonstrationen, radikale Forderungen und auch scharfe Kritik am Staat aushalten.
Gewalt muss sie nicht akzeptieren.
Berlin: Wenn politische Militanz kritische Infrastruktur trifft
Eine weitere Dimension zeigt der Anschlag auf die Berliner Stromversorgung vom 3. Januar 2026.
Der Generalbundesanwalt leitete ein Ermittlungsverfahren unter anderem wegen des Verdachts der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, gemeinschaftlicher Brandstiftung, Störung öffentlicher Betriebe und verfassungsfeindlicher Sabotage ein.
Nach Angaben der Bundesregierung besteht im Sinne eines Anfangsverdachts die Annahme, Mitglieder einer sogenannten Vulkangruppe könnten verantwortlich sein. Gleichzeitig werden die Ermittlungen ergebnisoffen geführt.
Diese Einschränkung ist entscheidend: Ein Anfangsverdacht ist kein Schuldspruch.
Der Fall verdeutlicht dennoch, welche Dimension politisch motivierte Angriffe auf Infrastruktur erreichen können.
Wer Stromversorgung oder andere kritische Infrastruktur angreift, trifft nicht irgendeinen abstrakten „Staat“. Er trifft im Zweifel Familien, Pflegebedürftige, Unternehmen und vollkommen unbeteiligte Bürger.
Antisemitismus: Auch die politische Linke muss sich unbequemen Fragen stellen
Parallel dazu wird inzwischen intensiv über Antisemitismus innerhalb der politischen Linken diskutiert.
Am 23. September 2026 beschäftigte sich sogar der Deutsche Bundestag in einer Aktuellen Stunde mit den jüngsten Entwicklungen bei der Berliner Linken. Gegenstand waren Vorwürfe von Antisemitismus, Polizeifeindlichkeit sowie Nähe zu Islamisten und Linksextremisten.
Bemerkenswert ist, dass entsprechende Kritik keineswegs ausschließlich von konservativen oder rechten Politikern kommt.
Auch Politiker von SPD und Grünen äußerten deutliche Kritik.
Gregor Gysi räumte seinerseits ein, einige Mitglieder seiner Partei würden ihre Israelkritik deutlich überziehen. Gleichzeitig wies er eine pauschale Charakterisierung der Linken als antisemitisch zurück.
Und genau diese Unterscheidung ist notwendig.
Nicht jede Kritik an Israel ist antisemitisch.
Aber Antisemitismus wird auch nicht dadurch akzeptabel, dass er aus einem linken oder vermeintlich progressiven politischen Umfeld stammt.
Distanzierung oder politische Schadensbegrenzung?
Hier beginnt die politische Bewertung.
Wenn eine Kontroverse öffentlich eskaliert, folgen regelmäßig Distanzierungen. Entscheidend ist jedoch weniger, wie deutlich eine Presseerklärung formuliert wird, sondern welche Konsequenzen anschließend gezogen werden.
- Werden antisemitische Positionen tatsächlich sanktioniert?
- Werden extremistische Kooperationen überprüft?
- Werden Gewalttäter konsequent ausgeschlossen?
- Und gelten gegenüber dem eigenen politischen Lager dieselben Maßstäbe, die man vom politischen Gegner verlangt?
Erst daran lässt sich beurteilen, ob eine Abgrenzung dauerhaft trägt oder hauptsächlich der politischen Schadensbegrenzung dient.
Zur Wahrheit gehört auch die Gegenposition
Die Antisemitismusvorwürfe gegen die Berliner Linke sind politisch umstritten.
150 jüdische Berlinerinnen und Berliner verteidigten die Partei gegen pauschale Antisemitismusvorwürfe und warnten davor, legitime Kritik an der israelischen Politik mit Antisemitismus gleichzusetzen.
Auch diese Position gehört zu einer vollständigen journalistischen Darstellung.
Sie beantwortet allerdings nicht automatisch jeden konkreten Vorwurf.
Entscheidend müssen Aussagen und Handlungen einzelner Personen und Organisationen bleiben.
„Antifa“ darf kein Freibrief für Gewalt sein
Antifaschismus ist zunächst eine politische Haltung und nicht automatisch Extremismus.
Die Ablehnung des historischen und gegenwärtigen Faschismus ist Bestandteil einer demokratischen Gesellschaft.
Problematisch wird es dort, wo politische Akteure selbst bestimmen wollen, wer ein „Faschist“ ist – und anschließend daraus ein vermeintliches Recht auf Gewalt ableiten.
Kein Aktivist darf gleichzeitig Ankläger, Richter und Vollstrecker sein.
- Das gilt von rechts.
- Das gilt von links.
Und es gilt unabhängig davon, welches politische Etikett sich ein Täter selbst gibt.
Bremen macht die Debatte aktueller denn je
Die Ereignisse in Bremen verleihen dieser Diskussion ausgerechnet am Tag der Deutschen Einheit zusätzliche Aktualität.
700 Menschen demonstrieren gegen die Feierlichkeiten. Die Kundgebung steht unter der Parole „Kein Frieden mit der Nation“. Später werden Polizisten an der Sielwallkreuzung mit Steinen, Flaschen und Pyrotechnik angegriffen. Ein Beamter wird verletzt, vier Menschen werden festgenommen.
Noch ist nicht belegt, dass die festgenommenen beziehungsweise angreifenden Personen der zuvor veranstalteten Demonstration zuzurechnen sind.
Genau deshalb sollte man nicht mehr behaupten, als die bisherigen Erkenntnisse hergeben.
Man sollte aber auch nicht weniger darüber sprechen.
Für Extremismus darf es keinen politischen Rabatt geben
Bremen, Antifa-Ost, militante Aktionsformen, Angriffe auf Infrastruktur und die Antisemitismusdebatte innerhalb der politischen Linken sind unterschiedliche Vorgänge.
Sie dürfen nicht zu einer einzigen angeblichen Organisation zusammengerührt werden.
Aber sie dürfen ebenso wenig einzeln betrachtet und anschließend politisch abgehakt werden, ohne über das dahinterliegende Problem zu diskutieren: Wie konsequent grenzt sich eine politische Bewegung von den radikalen und gewaltorientierten Teilen des eigenen Spektrums ab?
Gewalt bleibt Gewalt.
- Ein Stein wird nicht demokratischer, weil er von links geworfen wird.
- Ein Angriff auf einen Polizeibeamten wird nicht legitim, weil der Täter sich selbst als Antifaschisten versteht.
Antisemitismus wird nicht akzeptabler, wenn er aus einem vermeintlich progressiven Milieu kommt.
Und ein Angriff auf unsere Infrastruktur trifft am Ende nicht „das System“, sondern Menschen.
Eine glaubwürdige Demokratie darf deshalb beim Extremismus keine politischen Rabatte verteilen.
Der Maßstab muss für alle gelten.
André Braselmann
Ich bin unabhängiger freier Journalist aus der Verbandsgemeinde Rülzheim in der Südpfalz.
- Ich berichte über Ereignisse, Menschen und Entwicklungen aus unserer Region.
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