Es ist eine Frage, die unbequem ist und deshalb gestellt werden sollte:
Wer profitiert eigentlich davon, wenn Europa seine bisherigen Energiequellen verliert?
Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine hat sich der europäische Energiemarkt grundlegend verändert. Russland, über Jahrzehnte einer der wichtigsten Gaslieferanten Europas, hat als Energielieferant massiv an Bedeutung verloren. Gleichzeitig haben die Vereinigten Staaten ihren Absatz von Flüssigerdgas nach Europa erheblich ausgeweitet.
Nach Angaben der Europäischen Kommission kamen 2025 rund 58 Prozent der LNG-Importe der Europäischen Union aus den USA. Amerika ist damit zum wichtigsten LNG-Lieferanten der EU geworden.
Das ist keine Verschwörungstheorie. Das sind Fakten.
Donald Trump setzt auf amerikanisches Öl und Gas
Donald Trump verfolgt eine Energiepolitik, die amerikanische Öl- und Gasförderung stärken und die USA als führende Energiemacht etablieren soll.
Mehr Öl, mehr Erdgas, mehr LNG-Exporte und neue Absatzmärkte gehören zu dieser Strategie.
Gerade Europa ist dabei ein äußerst wichtiger Markt.
Denn Europa benötigt weiterhin große Mengen Erdgas. Wenn russisches Pipelinegas wegfällt, müssen andere Lieferanten einspringen. Neben Norwegen, Katar und weiteren Staaten gehören die USA inzwischen zu den wichtigsten Energiepartnern Europas.
Damit entsteht eine bemerkenswerte Situation:
Der politische Konflikt mit Russland hat den europäischen Energiemarkt verändert – und amerikanische Energieunternehmen profitieren von dieser Veränderung.
Vom russischen Gas zum amerikanischen LNG
Noch vor wenigen Jahren war russisches Pipelinegas für viele europäische Staaten ein wichtiger Bestandteil der Energieversorgung.
Heute sieht die Situation vollkommen anders aus.
Europa hat LNG-Terminals gebaut beziehungsweise ausgebaut, neue Lieferverträge geschlossen und seine Energieversorgung diversifiziert.
Das Problem dabei:
Diversifizierung bedeutet nicht automatisch Unabhängigkeit.
Wenn Europa weniger russisches Gas kauft, dafür aber immer mehr amerikanisches LNG importiert, verändert sich zwar der Lieferant – die grundsätzliche Abhängigkeit von importierter Energie bleibt jedoch bestehen.
Und LNG ist häufig teurer als Pipelinegas.
Die Rechnung bezahlen letztlich Unternehmen, Verbraucher und Steuerzahler.
Hat Trump die Kriege angezettelt?
Hier muss man allerdings genau unterscheiden.
Die Behauptung, Donald Trump zettle gezielt Kriege an, damit die USA anschließend ihr Öl und Gas teuer an Europa verkaufen können, ist nicht durch belastbare Beweise belegt.
Es wäre deshalb journalistisch unseriös, diesen Zusammenhang als erwiesene Tatsache darzustellen.
Aber das bedeutet nicht, dass wirtschaftliche Interessen keine Rolle spielen.
Großmächte verfolgen außenpolitische, sicherheitspolitische und wirtschaftliche Interessen gleichzeitig. Energie ist dabei seit Jahrzehnten ein Bestandteil internationaler Machtpolitik.
Die entscheidende Frage lautet deshalb weniger, ob es einen geheimen Plan gibt.
Die entscheidende Frage lautet:
Wer profitiert von der neuen europäischen Energieordnung?
Amerika gewinnt einen wichtigen Absatzmarkt
Die Entwicklung der vergangenen Jahre ist jedenfalls bemerkenswert.
Während Europa seine Abhängigkeit von russischem Gas reduziert, steigen die amerikanischen LNG-Lieferungen.
Die USA verfügen durch ihre riesigen Erdgasvorkommen und ihre ausgebaute LNG-Infrastruktur über erhebliche Exportkapazitäten.
Europa wiederum braucht verlässliche Gaslieferungen.
Damit treffen zwei Interessen aufeinander:
Amerika möchte Energie verkaufen. Europa benötigt Energie.
Das ist zunächst einmal ganz normale Wirtschaftspolitik.
Doch bei Energie geht es niemals ausschließlich um Wirtschaft.
Gaslieferungen bedeuten Einfluss.
Wer Energie liefert, verfügt über wirtschaftliche und geopolitische Bedeutung. Genau deshalb war Energie bereits lange vor dem Ukraine-Krieg ein zentraler Bestandteil internationaler Politik.
Europa darf nicht einfach die Abhängigkeit wechseln
Das eigentliche Problem liegt deshalb möglicherweise an einer anderen Stelle.
Europa sollte nicht lediglich eine Abhängigkeit durch eine andere ersetzen.
Russisches Gas war problematisch, weil Europa sich in erheblichem Umfang von einem einzelnen geopolitischen Partner abhängig gemacht hatte.
Die Antwort darauf sollte nicht darin bestehen, dauerhaft von einem anderen einzelnen Lieferanten abhängig zu werden.
Eine wirklich strategische europäische Energiepolitik müsste deshalb mehrere Ziele gleichzeitig verfolgen:
- sichere Energieversorgung
- bezahlbare Energiepreise
- verschiedene internationale Lieferanten
- Ausbau eigener Energiequellen
- weniger Abhängigkeit von einzelnen Staaten
- langfristig geringerer Verbrauch fossiler Energieträger
Denn eines sollte Europa aus der Energiekrise gelernt haben:
Abhängigkeit bleibt Abhängigkeit – auch wenn der Lieferant plötzlich ein politischer Verbündeter ist.
Das Geschäft mit Europas Energiehunger
Donald Trump hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er die amerikanische Energieindustrie stärken will.
Das ist sein gutes Recht.
Auch die USA verfolgen ihre nationalen Interessen.
Aber Europa sollte deshalb ebenfalls seine eigenen Interessen verfolgen.
Wenn amerikanisches LNG nach Europa verkauft wird, verdienen amerikanische Unternehmen daran. Das ist völlig legitim.
Problematisch wird es erst dann, wenn Europa politische Entscheidungen trifft, ohne die langfristigen wirtschaftlichen Folgen für die eigene Bevölkerung zu berücksichtigen.
Denn am Ende zählt nicht, welche Flagge auf dem LNG-Tanker weht.
Entscheidend ist, was das Gas kostet und wie abhängig Europa von seinem Lieferanten ist.
Die unbequeme Frage
Vielleicht ist deshalb nicht die Frage entscheidend, ob Donald Trump hinter jedem internationalen Konflikt einen Energieplan verfolgt.
Dafür gibt es keine belastbaren Belege.
Die viel interessantere Frage lautet:
Hat Europa aus der russischen Energieabhängigkeit tatsächlich gelernt – oder tauscht es lediglich einen Energielieferanten gegen einen anderen aus?
Während in Europa über Krieg, Sanktionen und geopolitische Bündnisse diskutiert wird, entsteht gleichzeitig ein gigantischer Markt für amerikanisches LNG.
- Amerika produziert.
- Amerika exportiert.
- Europa importiert.
- Und Europa bezahlt.
Das ist kein Geheimnis und keine Verschwörung.
Es ist internationale Interessenpolitik.
Und genau deshalb sollte Europa bei seiner Energiepolitik nicht nur fragen, wer unser Freund ist.
Europa sollte auch fragen:
Was kostet uns diese Freundschaft?
André Braselmann
Ich bin unabhängiger freier Journalist aus der Verbandsgemeinde Rülzheim in der Südpfalz.
- Ich berichte über Ereignisse, Menschen und Entwicklungen aus unserer Region.
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