Manchmal braucht es erstaunlich wenig, um eine politische Blase in Aufregung zu versetzen. Kein Skandal, keine Provokation, keine große politische Kampfansage – manchmal reicht ein einziger zugespitzter Kommentar auf Facebook.
Und plötzlich ist nichts mehr so einfach, wie es ursprünglich war.
Aus einer politischen Meinung wird eine Charakteranalyse. Aus Kritik wird Menschenverachtung. Aus einem Kommentar wird ein vermeintlicher Beweis für eine bestimmte politische Gesinnung. Und wer anschließend ganz unaufgeregt nachfragt, wo genau denn nun das Problem in der eigenen Aussage liegt, bekommt statt einer Antwort mitunter die nächste persönliche Bewertung.
Willkommen in der links politisch-orientierten Blase.
Der Kommentar war schnell geschrieben – die Empörung noch schneller
Ausgangspunkt war eine kritische Bemerkung zu den Ermittlungen nach einer Bedrohung des Landauer Stadtbürgermeisters. Man kann diese Bemerkung für falsch halten. Man kann sie geschmacklos finden. Man kann sie kritisieren.


Das alles ist völlig legitim.
Aber genau hier beginnt die interessante Entwicklung.
Statt sich ausschließlich mit der Aussage auseinanderzusetzen, wurde plötzlich die Person dahinter zum eigentlichen Thema. Es folgten Zuschreibungen wie rechter Populist, menschenverachtend, zynisch oder sogar die Behauptung einer gespaltenen Persönlichkeit.
Da stellt sich zwangsläufig eine ziemlich einfache Frage:
Wo ist eigentlich das Argument?
Denn wer eine Aussage als menschenverachtend bezeichnet, sollte normalerweise in der Lage sein, die betreffende Aussage zu benennen und zu erklären, warum sie diese Eigenschaft besitzen soll.
Das wäre eine Diskussion.
Eine persönliche Charakterdiagnose ist etwas anderes.
Wenn die politische Schublade wichtiger wird als der Inhalt
Besonders bemerkenswert ist, wie schnell manche Diskussionsteilnehmer offenbar wissen, in welche politische Schublade jemand gehört.
- Rechts.
- Rechtsextrem.
- Populist.
Und damit scheint die Angelegenheit für manche bereits erledigt.
Nur funktioniert politische Diskussion so nicht.
Man kann eine politische Position nicht dadurch widerlegen, dass man ihren Verfasser mit einem Etikett versieht. Selbst wenn die politische Einordnung zutreffend wäre, beantwortet sie noch lange nicht die Frage, ob die konkrete Aussage richtig oder falsch ist.
Ein Argument bleibt ein Argument – unabhängig davon, wer es ausspricht.
Und genau diese simple Tatsache scheint in manchen politischen Debatten erstaunlich schwer vermittelbar zu sein.
Besonders interessant: Wer austeilt, sollte Gegenwind aushalten
In den Kommentaren wird gleichzeitig reichlich persönlich ausgeteilt.
Da wird dem Gegenüber mangelnder Anstand vorgeworfen. Von feiger Argumentation ist die Rede. Von einem miesen rechten Populisten. Andere wollen sogar aus einzelnen Kommentaren auf den Charakter des Schreibers schließen.
Das ist schon eine interessante Form der Diskussionskultur.
Denn wer anderen vorwirft, respektlos oder demokratiefeindlich zu argumentieren, sollte vielleicht selbst einmal überprüfen, wie viel der eigenen Antwort eigentlich noch mit dem ursprünglichen Thema zu tun hat.
Politische Kritik darf scharf sein.
Sie darf auch polemisch sein.
Aber sie sollte zumindest noch erkennen lassen, was genau kritisiert wird.
Und dann sind da noch die Lach-Smileys
Besonders unterhaltsam wird es, wenn die argumentative Auseinandersetzung zunehmend durch Lach-Smileys ersetzt wird.
Natürlich darf jeder auf Facebook mit einem Lach-Smiley reagieren. Das ist schließlich Facebook und kein Seminar für politische Philosophie.
Aber ein Lach-Smiley beantwortet keine Frage.
- Er widerlegt kein Argument.
- Er erklärt keine Behauptung.
Und er macht aus einer falschen Aussage auch keine richtige.
Gerade wenn gleichzeitig behauptet wird, die eigene Seite habe die besseren Argumente, wäre es eigentlich interessant, diese Argumente auch einmal zu lesen.
Lachen ist eine Reaktion. Eine Begründung ist es nicht.
Die erstaunliche Karriere eines einzigen Kommentars
Das eigentlich Bemerkenswerte an dieser Diskussion ist deshalb nicht einmal der ursprüngliche Kommentar.
Es ist die Entwicklung, die daraus entstanden ist.
Aus einem Satz über einen politischen Vorgang wurde eine Debatte über meine politische Gesinnung.
Daraus wurde eine Diskussion über meinen Charakter.
Dann folgten persönliche Bewertungen.
Und irgendwann beschäftigte man sich mehr mit der Person als mit dem ursprünglichen Thema.
Gerade bei einer Gruppierung wie den Omas gegen Rechts, die sich öffentlich stark mit politischen und gesellschaftlichen Themen auseinandersetzt, sollte man eigentlich erwarten können, dass auch kontroverse Gegenmeinungen ausgehalten und argumentativ beantwortet werden.
Das gilt selbstverständlich auch für deren lokale Vertreterinnen und Unterstützerinnen – etwa Inge Heimer aus dem Umfeld der „Omas gegen Rechts“ in Kandel.
Wer politische Auseinandersetzung fordert, sollte politische Auseinandersetzung auch dann aushalten, wenn der Gegenwind aus der anderen Richtung kommt.
Die einfachste Frage ist offenbar die schwierigste
Ich habe deshalb eine ausgesprochen langweilige Forderung:
- Wenn jemand behauptet, eine Aussage sei menschenverachtend, dann soll er bitte die konkrete Aussage nennen.
- Wenn jemand behauptet, eine Aussage sei zynisch, dann soll er bitte erklären, worin genau der Zynismus besteht.
- Wenn jemand mich als politischen Populisten bezeichnet, darf er gerne begründen, worauf diese Einordnung basiert.
Das ist keine überzogene Forderung.
Das ist das absolute Mindestmaß einer sachlichen Diskussion.
Vielleicht ist genau das die eigentliche Provokation
Und vielleicht liegt genau darin das kleine Geheimnis dieser Geschichte.
Die politische Bubble kommt nicht unbedingt deshalb zur Schnappatmung, weil der ursprüngliche Kommentar besonders radikal wäre.
Sie kommt zur Schnappatmung, weil jemand auf der konkreten Begründung besteht.
Nicht:
Du bist rechts.
Sondern:
Welche Aussage meinst du?
Nicht:
Du bist menschenverachtend.
Sondern:
Woran machst du das fest?
Nicht:
Du bist ein Populist.
Sondern:
Welches Argument von mir ist falsch?
Das sind unangenehme Fragen für jede Diskussion, die lieber mit Etiketten als mit Argumenten arbeitet.
Am Ende bleibt eine ziemlich einfache Erkenntnis
- Man kann mich für meine Meinung kritisieren.
- Man kann meinen Kommentar ablehnen.
- Man kann ihn für geschmacklos halten.
- Man kann sogar darüber lachen.
Alles völlig legitim.
Was allerdings nicht funktioniert, ist die Vorstellung, dass eine persönliche Abwertung automatisch eine sachliche Widerlegung darstellt.
Tut sie nicht.
Und genau deshalb werde ich auch weiterhin nachfragen.
- Nicht lauter.
- Nicht beleidigender.
- Nicht hysterischer.
Sondern ganz einfach:
Welche konkrete Aussage von mir ist falsch – und warum?
Wenn darauf wieder nur das nächste politische Etikett, die nächste Charakterbewertung oder der nächste Lach-Smiley folgt, dann darf sich jeder selbst überlegen, wem hier eigentlich gerade die Argumente ausgehen.
André Braselmann
Ich bin unabhängiger freier Journalist aus der Verbandsgemeinde Rülzheim in der Südpfalz.
- Ich berichte über Ereignisse, Menschen und Entwicklungen aus unserer Region.
- Meine journalistische Arbeit finanziert sich nicht durch staatliche Fördermittel.
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